Das Kreuz mit den Wahlplakaten – Langweilt die Leute nicht ….!

Das Kreuz mit den Wahlplakaten – Langweilt die Leute nicht … !

KommR Hanno Schuster – Eine der Voraussetzungen um bei Wahlgängen erfolgreich
zu punkten ist der Faktor Bekanntheit. Wahlplakate spielen dabei eine nicht zu unter­schätz­ende Rolle. Dennoch: Über den Sinn dieser Werbeform wird immer wieder kon­tro­vers diskutiert.

Schnelle Bekanntheit und Dauerpräsenz

Fakt ist jedoch, dass kein anderes Werbemittel – vor allem regional – derart schnell Bekanntheit aufzubauen imstande ist. Kein anderes Werbemittel ist derart dauer­präsent und dazu auch noch – im Verhältnis etwa zu Inseraten in Tages- bzw. Wochen­zeitungen – kostengünstig. Ein perfekt gestaltetes Plakat verfehlt seine Wirkung nicht. Allerdings mehren sich die Stimmen jener, die dem Wahlplakat den „Garaus“ wün­schen. Und sieht man sich den Großteil der plakatierten Ergebnisse an, muss man – auch als Verfechter dieses Werbemittels – den Kritikern schon fast Recht geben.

Es liegt auf der Hand, dass die Konzeption der Präsenz im öffentlichen Raum gründlich überlegt und konzipiert werden muss. Während ein Inserat die Aufmerksamkeit der Leser lediglich für ein paar Sekunden in Anspruch nimmt, steht das Plakat bis zu 14 Tage und länger im öffentlichen Raum.

Der Film im Kopf …

Ein Plakat sollte also im besten Fall eine Geschichte erzählen. Leichter gesagt als getan. Denn eine Geschichte am Plakat oder in einem einzigen Bild muss verdichtet, also auf ihren Kern hin reduziert werden ohne an Aussagekraft zu verlieren. Es braucht also eine Komposition, eine Architektur. Ein Bild ist kein Film. Aber ein Bild sollte einen Film im Kopf des Betrachters starten. Das „schnelle Foto“ hat hier nichts verloren. Der Zufall bleibt außen vor.

Die Rezeptionszeit eines Plakates beträgt nicht viel mehr als 2 Sekunden. Eine kurze Zeitspanne die Aufmerksamkeit der Menschen, quasi im Vorübergehen zu gewinnen. Für die Gestaltung eines Wahlplakates braucht es daher Konzeptions- und Gestal­tungs­exzellenz. Im besten Fall ein kleines Team (Konzeption, Fotografie, Gestaltung, Text) von erfahrenen Spezialisten mit dem Wissen um die Wirkung von Bildern und Wör­tern. Und es braucht ein fast „verschwörerisches Miteinander“ zwischen diesem Team und dem Auftraggeber. Denn nur wenn dieses Vertrauen vorhanden ist, kann ein exzellentes Ergebnis herauskommen.

Frech. Stark. Klasse gemacht.Frech. Stark. Klasse gemacht.

Wichtigste Regel: Langweilt die Leute nicht!

Einer der größten Fehler ist die Annahme, für ein Plakat brauche es „nur ein gutes Foto“. Ein Bild allein reicht nicht aus. Jede Geschichte hat zwei Erzählebenen (Impact – die Geschichte hinter der Geschichte, Cover – die sichtbare und nacherzählbare Ge­schichte). Dabei spielt die Impactstory eine ebenso große Rolle wie die Coverstory. Erst das Zusammenspiel beider Ebenen macht aus einem Bild eine Geschichte. Dabei ist es nicht entscheidend, ob die beiden Ebenen bebildert werden. Ebenso gut kann ein Bild etwa die Coverstory zeigen und der Text auf den Impact verweisen. Bild und Text machen den Film im Kopf. Für den Text gilt dasselbe wie für das Bild. Im Kontext zum Bild muss er überraschen und die Wirkung des Bildes verstärken. Dennoch: Zeigt das Motiv die Kandidatin bzw. den Kandidaten muss die Art der Darstellung immer glaub­würdig bleiben – auch wenn ein außergewöhnliches und mutiges Motiv gewählt wird.

Bestes Beispiel dafür: Das Wahlplakat des ehemaligen Berliner Bürgermeisters Wowereit. Aber eben dieses Beispiel steht auch für eine weitere Voraussetzung: Mut zur Überraschung, Mut zum Ausscheren aus der Beliebigkeit politischer Kommunikation. Allerdings kann aus Mut schnell auch Übermut werden und „nach hinten losgehen“. Effekthascherei ist also mit Mut nicht gemeint. Das Bildkonzept muss zur Persön­lich­keit und zur Kommunikationskultur der Person passen. Tut es das nicht, ist es ein „Schuss ins eigene Knie.“

Perfekt auf den Kandidaten zugeschnitten. Besser geht's kaum ...Perfekt auf den Kandidaten zugeschnitten. Besser geht’s kaum …
Der Spitzenkandidat hat plötzlich Haare ...Der Spitzenkandidat hat plötzlich Haare …

Von Stolpersteinen und kreativer Magerkost …

Die Beispiele der Wahlplakate aus der vergangenen Bürgermeister- und Gemeinde­vertretungswahl sind leider zum großen Teil aussagekräftige Beispiele was bei der Produktion eines Wahlplakates alles schief gehen kann. Bei 16-Bogen Plakaten wird immer wieder vergessen, dass – anders als bei Kleinplakaten oder Inseraten – auch Details in einem Bild plötzlich sichtbar werden, die in Inseratengröße nicht auffallen. Ein Bildhintergrund gewinnt auf einer großen Fläche plötzlich deutlich mehr Aus­sage­kraft, als auf Kleinplakaten oder in Inseraten. Solcherart ins Bild gesetzte Person werden auf diese Weise plötzlich zur visuellen „Nebensache“.

Ein anderer „Klassiker“: Headline und Fotografie widersprechen sich diametral. Einer Person „Dynamik“ zuzuschreiben sie aber gleichzeitig im „Gähnmodus“ zu zeigen gehört in diese Kategorie. Vorsicht ist auch bei der Verwendung von Superlativen wie „Vertrauen“ angebracht, wenn gleichzeitig seit Jahren bekannt ist, dass Politiker in der Vertrauensskala abgeschlagen an letzter Stelle herumgrundeln. Aber auch hand­werk­liche Stolpersteine gilt es als Gestalter zu überwinden: etwa, dass sich nicht jede Typo­grafie für die Anwendung auf einem Plakat eignet. Auch ein Umstand der sich so manchen Gestaltern noch nicht wirklich erschlossen hat. Oder etwa, dass die kan­di­dierende Person so gezeigt wird, dass sie nur schwer wieder zu erkennen ist.

Bürgernähe ins falsche Bild gerücktBürgernähe ins falsche Bild gerückt
Webbanner im Gähnmodus Webbanner im Gähnmodus
Plakat mit "Gähnmodus"Plakat mit „Gähnmodus“
... alle anderen sind ohne Anstand?… alle anderen sind ohne Anstand?
Die Kandidaten sind "Vignettenflüchtlinge" ...?Die Kandidaten sind „Vignettenflüchtlinge“ …?

Kommunikationskunst

Die Konzeption und Gestaltung eines Wahlplakates ist ohne Übertreibung hohe Kommunikationskunst. Leider mangelt es vielfach am entsprechenden Bewusstsein sowohl auf Auftraggeberseite als auch bei den damit betrauten Gestaltern. Und die Erfahrung aus vorangegangenen Wahlgängen lassen nicht unbedingt darauf schließen, dass sich dies bei nächster Gelegenheit ändern wird.

Fachbeitrag von KR Hanno Schuster, September 2015

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